Presse

Das Thema Konferenzdolmetschen in der Presse 

Nachfolgend finden Sie einige Zeitungsartikel sowie Links zu Beiträgen rund um das Konferenzdolmetschen.

Eine eigene Meinung ist beim Arbeiten tabu

Berufsportrait: Dolmetscher müssen gleichzeitig hören, verstehen, übertragen und sprechen. Neben Sprachbegabung brauchen sie Darstellungstalent und eine gute Allgemeinbildung. (Sacha Borree)

Als die ersten Filme auf der Berlinale anliefen, begann für Linda Mayes eine anstrengende Woche. Mit Blick auf die Leinwand, aber abseits des Zuschauerraums, saß sie in ihrer Dolmetscherkabine und übersetzte die Worte der Schauspieler für das internationale Publikum ins Englische. Ganz gleich, ob sie ins stocken geriet, ein Wort nicht verstanden oder über einen zweideutigen Satz nachdenken musste – der Film lief weiter. „Diese Arbeit wird nie zur Routine“, sagt Mayes, die schon seit einigen Jahren als Dolmetscherin arbeitet. „Es ist, als hätte ich jeden Tag eine neue Prüfung.“ Zu den Grundvoraussetzungen für den Beruf zählen daher Konzentrations- und Stressfähigkeit. Es gilt, den fremdsprachigen Text zu hören, zu verstehen und in die Muttersprache zu übersetzen. Dabei berücksichtigen Dolmetscher längst nicht nur das gesprochene Wort. „Der Mensch spricht auch mit dem Körper“, sagt Linda Mayes. „Der Sichtkontakt zu dem, den ich dolmetsche, ist daher sehr wichtig“ – nicht nur bei den Berliner Filmfestspielen.

Fachkenntnisse anlesen

Der Beruf des Dolmetscher kann in Deutschland an mehreren Universitäten und Privatschulen gelernt werden. „Sprachbegabung ist Bedingung, reicht aber längst nicht aus“, sagt Ralf Friese vom Institut für angewandte Sprachwissenschaft in Germersheim bei Mainz. „Sogar Leute, die zweisprachig aufgewachsen sind, sind längst nicht automatisch geeignet. Englisch und Deutsch zu sprechen ist etwas ganz anderes, als vom Englischen ins Deutsche flüssig dolmetschen zu können.“ Wer einsprachig aufgewachsen ist, muss aber schon gute Kenntnisse der jeweiligen Fremdsprache mit ins Studium bringen – zumindest, wenn es sich um Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch handelt.

Neben der Sprachbegabung muss der Dolmetscher ein ausgezeichnetes Allgemeinwissen und eine gewisses schauspielerisches Talent haben, um eine Übersetzung lebendig zu machen. „Einige Studenten merken irgendwann, dass ihnen das fehlt. Die werden dann oft Übersetzer. Nur ein Drittel der Studenten wird letztlich Dolmetscher, nur ein Zehntel geht in den Beruf“, sagt Ralf Friese.

Linda Mayes kann sich an ihr Studium noch gut erinnern. „Es war sehr hart die Sprache zu lernen“, sagt sie in akzentfreiem Deutsch. Sie ist Britin und dolmetscht aus dem Deutschen und Französischen in ihre Muttersprache. Auf Konferenzen und Messen – und eben bei den Filmfestspielen – ist sie an etwa 100 Tagen im Jahr im Einsatz. „Das hört sich nach wenig an, mehr ist aber nicht machbar“, sagt Mayes, die wie die meisten Dolmetscher freiberuflich arbeitet. bei den Filmfestspeilen begann sie täglich um 9 Uhr, „und die letzte Pressekonferenz endete manchmal erst um 2 Uhr nachts.“

Auf jeden Einsatz muss sich Linda Mayes vorbereiten, denn sie muss die Fachkenntnisse habe, um auf einem Schreinerkongress genauso gut zu dolmetschen wie bei Staatsbesuchen oder den Geschäftsverhandlungen multinationaler Konzerne. „Manchmal brauche ich zwei bis drei Tage, um mich in ein Thema einzuarbeiten und dolmetsche dann nur wenige Stunden“, sagt sie.

„Aber kein Thema ist wirklich langweilig. Nach ein paar Tagen Vorbereitung denke ich oft: Das ist es, was ich im nächsten Leben machen möchte. Ich werde Schreiner – oder so ähnlich.“

Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die sich spezialisiert haben, sind meist in großen Konzernen oder bei Behörden angestellt. Gesche Klix etwa arbeitet seit Jahrzehnten als Dolmetscherin beim Senat der Stadt Berlin, inzwischen als Chefdolmetscherin.

Denkweisen vermitteln

„Das war ein glücklicher Zufall. Ich habe nach dem Studium von der offenen Stelle gehört, habe mich beworben und wurde genommen.“ Gerade in der Politik werde deutlich, welche Bedeutung Dolmetschern heute haben. „Wir übersetzen nicht einfach, wir vermitteln zwischen Denkweisen“, sagt Gesche Klix. „Viele Politiker nehmen Dolmetscher mit auf Reisen, selbst wenn sie selbst die Sprache des Landes sprechen.“

Gesche Klix hat schon früh ihre Liebe zur französischen Sprache entdeckt, aus der sie heute dolmetscht. „Ich bin im Dreiländereck aufgewachsen, habe früh am deutsch-französischen Jugendaustausch teilgenommen und war oft in Paris.“ Im Laufe der Jahre, so Klix, identifizieren sich viele Dolmetscher mit der anderen Sprache und dem anderen Land: „Frankreich ist Teil meiner persönlichen Lebenswelt. Meine Kinder sollen in beiden Kulturen aufwachsen. Es tut mir weh, wenn ich lange Zeit nicht in Frankreich sein kann.“

Oft sei auch das Verhätnis zu den Kollegen aus den anderen Ländern enger als das zu den Auftraggebern zu Hause. „Das Verhältnis zu den Politikern sei eher professionell“, sagt Gesche Kix. „Man muss sich immer klar darüber sein, dass man nicht dazugehört, sondern nur eine Dienstleistung bringt und die eigenen Meinung zurückhalten muss. Mit den Dolmetschern der andern Delegationen dagegen geht man schon mal einen trinken. Da entstehen Freundschaften.“ gms

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Dolmetscher – Zum Reden bestellt, zum Schweigen verpflichtet

Nur das Wort zählt (Karlheinz Bredemeyer)

Messen, Veranstaltungen, Konferenzen, Ausstellungen oder auch „nur“ einen Messestand zu organisieren ist an für sich schon eine aufwendige Sache. Werden auch noch fremdsprachige Gäste erwartet, ergeben sich weitere Probleme, denn die wenigsten sind einer anderen Sprache so mächtig, dass jede Nuance und auch die unausgesprochenen Worte „zwischen den Zeilen“ verstanden werden.

Zu klären ist: In welchen Sprachen müssen die Vorträge und Diskussionen gedolmetscht werden? Wie viele Dolmetscher mit welcher fachlichen Qualifikation werden gebraucht? Wo findet man kompetente Konferenzdolmetscher, und was zeichnet diese Berufsgruppe gegenüber Übersetzern aus?

Ein Konferenzdolmetscher ist immer dann gut, wenn er nicht wahrgenommen wird. Sein Platz ist nicht in der ersten, sondern in der zweiten Reihe. Seriosität und Verschwiegenheit sind oberste Pflicht, denn der Konferenzdolmetscher übt keine Zensur aus und lässt keine eigenen Wertungen einfließen. Dies käme einem unverzeihlichen Kunstfehler gleich.

Trotz der hohen Anforderungen sind viele Leute immer noch der Meinung, Dolmetschen könne ein sprachgewandter Mitarbeiter nebenbei machen. Doch das wäre am falschen Platz gespart, denn ein qualifizierter Dolmetscher ist zwar nicht billig, aber seinen Preis allemal wert. Wer auf seine Dienste zurückgreift, kann in seiner Muttersprache wirklich alles sagen, was ihm wichtig erscheint, und der Zuhörer versteht auch alles richtig, weil er den Vortrag in seiner eigenen Muttersprache hört.

Ein professioneller Konferenzdolmetscher besitzt neben vorzüglichen Sprachkenntnisse vor allem eine gute Allgemeinbildung, fundierte Landeskenntnisse seiner Sprachen sowie das immer wieder auf den neuesten Stand zu bringende Fachwissen in seinen Themenbereichen. Meist gilt es, simultan zu dolmetschen. Der Dolmetscher sitzt dabei in einer schalldichten Kabine, nimmt über Kopfhörer die Ausführungen des Redners auf und übersetzt sie gleichzeitig in die Sprache der Anwesenden, die ihrerseits über Kopfhörer mit ihm verbunden sind. Anders verhält es sich beim Konsekutivdolmetschen, der bevorzugten Art bei sogenannten Vier-Augen-Gesprächen, in denen zwei, maximal drei Sprachen gesprochen werden. Der Dolmetscher sitzt am Konferenztisch, notiert, was der Redner sagt, und bringt es den Anwesenden nachträglich in ihrer Sprache zu Gehör.

Berühmt-berüchtigt ist beim Simultandolmetschen die deutsche Sprache wegen der Nachstellungen des Verbs, ihrer Schachtelsätze und der Verneinungsformen. Dies ist unter anderem ein Grund, weshalb es auch in Zukunft schwierig, wenn nicht gar unmöglich sein wird, Konferenzdolmetscher durch „Übersetzungsmaschinen“ zu ersetzen. Ein Computer kann nicht mit- oder vorausdenken. So kann er zum Beispiel eine Diskrepanz zwischen dem, was der Redner sagt, und dem, was er meint, nicht erkennen, sondern wird wortwörtlich das Gesagte übersetzen – auch wenn es keinen Sinn macht.

Zweifellos ist der Zugang zum Konferenzdolmetschen und die Ausbildung dazu schwierig und lang, zumal es keine allgemein akzeptierte Definition gibt. Die Berufsbezeichnungen „Dolmetscher“ und „Übersetzer“ sind gesetzlich nicht geschützt. Hier liegt auch das Problem für viele Auftraggeber. Woher sollen sie wissen, welche Dolmetscher gut sind, welche Sprachenkombinationen sie im konkreten Fall brauchen und auf was sie zu achten haben? Als „Qualitätsausweis“ für gutes Dolmetschen gilt der Internationale Verband der Konferenzdolmetscher (aiic) mit Sitz in Genf. Er zählt weltweit rund 2300 Mitglieder aus achtzig Ländern. In Deutschland gehören dem Verband etwa 250 Konferenzdolmetscher an. Die Mitglieder arbeiten bei der Uno, der EG, für internationale Organisationen, für Sportverbände, für die Bundesregierung oder auch fachbezogen für Unternehmen.

Alle Mitglieder des aiic sind erfahrene Konferenzdolmetscher, die meist nach einer hochqualifizierten Ausbildung an einer Universität oder Fachhochschule in einem strengen Auswahlverfahren ihre sprachlichen Fähigkeiten bewiesen haben. Dadurch wird sichergestellt, dass ein Auftraggeber die hochqualifizierte Dienstleistung erhält, die er für den Erfolg seiner Veranstaltung benötigt.

Der Autor ist Leiter des Presse- und Informationsbüros des Internationalen Verbandes der Konferenzdolmetscher (aiic), Region Deutschland, in Frankfurt am Main.

Professionell übersetzen

Zum Berufsziel Übersetzer oder Dolmetscher führen unterschiedliche Wege: ein Universitätsstudium Dolmetschen und/oder Fachübersetzen (Humboldt-Universität Berlin, Bonn, Düsseldorf, Hamburg, Heidelberg, Hildesheim, Leipzig, Mainz, Saarbrücken), ein Fachhochschulstudium Übersetzen und Dolmetschen (Anhalt/Köthen, Köln, München, Zittau) oder eine Ausbildung an einer der vielen, meist privaten Studieneinrichtungen. Ein Hochschulstudium dauert mindestens acht Semester (in Heidelberg und Mainz-Germersheim auch sechs Semester) und schließt in der Regel mit einem Diplom ab. Übersetzer arbeiten meist schriftlich, Dolmetscher übertragen mündlich – entweder konsekutiv oder simultan. Konsekutivdolmetscher geben das Gesprochene anhand von Notizen in der Zielsprache kontextuell richtig wieder, Simultandolmetscher übertragen gleichzeitig mit dem Gesprochenen in die Zielsprache. Dolmetscher brauchen spezifische Fähigkeiten, etwa gute Konzentrations- und Analysefähigkeit. RM

Alle Rechte vorbehalten – Rheinischer Merkur, Godesberger Allee 91, 53175 Bonn

Verlierer sprechen denglisch

Was schlechtes Deutsch mit dem Erfolg an der Börse zu tun hat / Von Hanno Beck

FRANKFURT, 1. November. Sind Sie auch schon mit einem ,“groovenden Welcome“ in einer der größten „Music Communities im Netz“ begrüßt worden, wo Sie „up- und downgeloadet“ haben? Hoffen Sie auf eine „Zusammenführung der Online Communications, Mobile Communications und Streaming Services in gesamtheitliche Lösungen“? Haben Sie Interesse an einer „dynamischen Off-Board Navigation oder einer Road Assistance“? Oder haben Sie nur Bahnhof verstanden?

Offenbar haben viele Anleger nur Bahnhof verstanden. All diese sprachlichen Entgleisungen stammen von ehemaligen Neue-Markt-Unternehmen, die allesamt insolvent sind oder „delisted“ wie der angelsachsophile „New-Economy“-Mensch sagen würde. „Das muss nicht unbedingt ein Zufall sein“, sagt Walter Krämer, Professor für Statistik an der Universität Dortmund und Gründer des Vereins Deutsche Sprache. Er hat eine Liste mit den Verlierern des Neuen Marktes aufgestellt, und sein Befund spricht gegen „BSE“, bad, simple English“ wie er sagt: Digital Advertising, Blue C Consulting, Feedback, Tomorrow Internet, ebookers — die Mehrzahl der auf der Verliererliste notierten Unternehmen hat einen „denglischen“ Namen. „Diese überflüssigen Anglizismen haben viele Anleger mittlerweile verprellt man weiß doch überhaupt nicht, wo man da sein Geld anlegt“, sagt Krämer. Die Masche mit der „Imponiersprache“ habe nur zu Beginn des Booms funktioniert: Da standen denglische Namen als Synonym für die boomende Internetwirtschaft — jetzt steht sie eher für Zweitklassigkeit und Inkompetenz.“

Doch nicht nur „denglische“ Unternehmensnamen oder Pressemitteilungen, auch Englisch als Konzernsprache kann Krämer zufolge fatale Folgen haben: Die Kurse von Daimler-Chrysler, SAP oder der Deutschen Telekom seien, seitdem auf der Führungsebene Englisch als Konzernsprache eingeführt worden sei, hinter dem Markt zurückgeblieben. Als Gegenbeispiele führt Krämer VW in Schanghai und Porsche an. Dort wird deutsch gesprochen. Die Begründung der Sprachpuristen: Ein Ingenieur kann sich in einer fremden Sprache nicht präzise und kreativ ausdrücken. Das bietet üppig Raum für Mißverständnisse.

Diese Beobachtungen reichen Krämer, um sich des Themas wissenschaftlich zu nähern: Derzeit untersucht er, welchen Einfluß; die Wahl der Konzernsprache auf den Unternehmenserfolg hat. Leider zu spät für die Anleger, die ihr cash in die stocks von United Visions Entertainment, Kabel New Media, Lobster Network Storage oder Management Data Media Systems investiert haben, um mit einer ordentlichen performance in der hype ein wenig zu traden und einzucashen. Für sie bleibt die Erfahrung, die schon Friedrich Schiller gemacht hat: Stets ist die Sprache kecker als die Tat.

Alle Rechte vorbehalten – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.11.2002

Dolmetscher – Deutliche Worte

Dolmetscher übersetzen nicht nur, sie übertragen. Sie müssen vor allem den richtigen Sinn des Gesagten erfassen und gleichzeitig die Stimmlage des Redners treffen (von Ruprecht Hammerschmidt)

Kommunikation besteht zu 80 Prozent aus Missverständnissen, heißt es. Ein Problem mit dem sich Dolmetscher beruflich herumschlagen. Sie übertragen die Worte von Rednern nicht eins zu eins, sondern müssen deren Sinn erfassen und in einer anderen Sprache möglichst genau wiedergeben. Dabei können leicht Pannen passieren. Langusten anstatt Mangusten, eine Affenart übersetzte Almute Löber einmal bei einem Termin im Entwicklungshilfeministerium. „Solche Fehler passieren“, sagt die Nachwuchsbeauftragte der Internationalen Vereinigung für Konferenzdolmetscher. „Ich entschuldige mich dann und sage das richtige Wort.“

Immun gegen Stress

Dolmetschen ist ein vielseitiger Beruf, der Stressresistenz voraussetzt. Meist wird auf Konferenzen zeitgleich mit der Rede übersetzt, also simultan. Die Dolmetscher arbeiten sich vorher in das Fachthema ein. Dies ist Voraussetzung für eine sinngerechte Übertragung. Denn je nach Fachrichtung der Gesprächspartner werden Spezialausdrücke gebraucht und um den Sinn richtig wieder zu geben, müssen die Dolmetscher wenigstens in groben Zügen verstanden haben, worüber sie sprechen. „Die Recherchen sieht der Kunde nicht“, berichtet Löber. Sie nimmt sich für eine Veranstaltung von Zahntechnikern nicht nur das Wörterbuch vor, um Vokabeln zu pauken, sondern liest auch noch ein Fachbuch. „Damit verstehe ich das Thema besser“, sagt sie. Es ist für die Arbeit wichtig, nicht nur zu wissen, was etwa Rauchgaswäscher auf Englisch heißt, der Dolmetscher sollte auch eine Vorstellung von dem Gerät haben. Weil die Inhalte der Konferenzen immer andere sind, ist Neugier eine wichtige Berufsvoraussetzung. Wer Gespräche von Politikern oder Managern überträgt, muss wissen, was in der Welt vor sich geht. Diese Themen sind regelmäßig Gesprächsinhalt. Eine gute Allgemeinbildung ist deshalb ebenso wichig wie exzellente Sprachkenntnisse.

Die Vorarbeit wird von den Kunden mitbezahlt, auch wenn die Honorare der meist frei arbeitenden Dolmetscher nur für die Zeit des Übersetzens ausgewiesen sind. Rund 700 bis 1 000 Euro pro Tag plus Nebenkosten hält Löber für angemessen.

Dafür leisten Dolmetscher geistige Schwerstarbeit. Innerhalb weniger Sekunden nach dem Gesprochenen müssen sie die Übersetzung liefern und sich dabei gleichzeitig auf die nächsten Sätze des Redners konzentrieren. Beim Simultandolmetschen wechseln sich deshalb die Fachkräfte etwa alle halbe Stunde ab. Der Co-Pilot geht dann aber nicht etwa in die Pause. Er verfolgt die Rede weiter und unterstützt den Kollegen, etwa wenn diesem das passende Wort nicht einfällt. Wenn das Übersetzen zu anstrengend wird, kann sich der Rhythmus des Abwechselns aber auch verkürzen. Löber erinnert sich an eine Konferenz mit Folteropfern, deren Schilderungen allen Zuhörern sehr nahe gingen. „Wir mussten uns beim Übersetzen alle zehn Minuten ablösen“, berichtet sie.

Eine andere Form des Übertragens ist das Konsekutivdolmetschen. Dabei wird abschnittweise übersetzt. Der Dolmetscher schreibt in Kurzschrift zunächst mit und überträgt erst nach mehreren Minuten. Eine Leistung, die oft noch nebenbei mitgeliefert wird, ist die Vermittlung zwischen verschiedenen Kulturen. Weil Dolmetscher meist in den Ländern, deren Sprache sie studiert haben, gelebt haben, kennen sie die dortigen Gepflogenheiten und bewahren die Gesprächspartner vor möglichen Verhaltensschnitzern.

Schattendasein

Wer gerne im Vordergrund steht, für den ist der Beruf des Dolmetschers nichts. Denn die Sprachexperten arbeiten immer im Schatten ihrer oft prominenten Gesprächspartner oder sind in den Übersetzerkabinen gar nicht zu sehen. Außerdem gilt eine eiserne Regel unter Dolmetschern. Das, was sie bei ihrer Arbeit erfahren, unterliegt der vollständigen Verschwiegenheit. „Wir sind darauf angewiesen, dass uns unsere Kunden vertrauen“, begründet Löber die Standesethik.

SINNSUCHER // Methoden: Es gibt verschiedene Methoden, mit denen Dolmetscher arbeiten. Auf Konferenzen wird heute meist simultan übersetzt. Dabei spricht der Dolmetscher das Gesagte mit, während er dem Redner weiter zuhört. Diese Art des Übertragens setzte sich erst mit den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen durch. Beim Konsekutivdolmetschen wartet der Sprachexperte dagegen eine Zeit lang ab und übersetzt dann am Stück. Für sogenannte Vier-Augen-Gespräche gibt es die Form des Flüsterdolmetschens. Eine Methode, die oft bei Politikergesprächen eingesetzt wird.

Konzentration: Die Arbeit der Dolmetscher erfordert ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit. Beim Simultandolmetschen wechseln sich mehrere Dolmetscher nach etwa einer halben Stunde ab. Beim Übertragen kommt es weniger auf die Wortwahl als auf den Sinn des Gesagten an. Außerdem soll auch der Tonfall des Sprechers aufgegriffen werden. In der Regel benutzen Dolmetscher beim Sprechen die Ich-Form.

Stillarbeit: Das Übersetzen ist nur die Hälfte der Arbeit. Vor jedem Termin müssen sich die Fachleute in das Themengebiet einarbeiten. Dafür lernen sie – meist zu Hause – Spezialausdrücke und lesen Bücher, die ihnen das Verstehen von technischen Details erleichtern.

Alle Rechte vorbehalten. Berliner Zeitung, 6.12.2003. Ressort: Beruf und Karriere.

Mit Sprachen in Europa Brücken bauen

Mehr als nur Worte: Konferenzdolmetscher

Das Interesse für Fremdsprachen allein reicht nicht aus, wenn Schulabgänger den Beruf Dolmetscher/-in, insbesondere Konferenzdolmetscher, in Erwägung ziehen. Wer im Fernsehen schon Direktübertragungen aus dem Europa-Parlament mit verfolgt hat, bei denen jeder Redebeitrag simultan übersetzt wird – oder wie zwei Staatsmänner sich bei einer Pressekonferenz per „Konsekutiv-Dolmetschen“ erklären – kann ermessen, was es bedeuten könnte, wenn eine Redewendung nicht sinngemäß, sondern „wörtlich“ übersetzt würde.

Vokabeln pauken reicht eben auch nicht, man muss den kulturellen Hintergrund kennen, Gestik und Mimik des Sprechenden beim Übersetzen beachten. Sprachgefühl, schnelles Auffassungsvermögen, Scharfsinn und die Fähigkeit, sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren sowie hohe Belastbarkeit gehören unbedingt zu den Voraussetzungen in diesem Beruf.

Angehende Konferenzdolmetscher/-innen sollen sich vor der Wahl ihres Studiengangs oder ihrer Ausbildung beim internationalen Verband der Konferenzdolmetscher (aiic) über das Berufsbild und Studienschwerpunkte erkundigen. Ratschläge kann man auf der Internet-Seite des Vega-Netzwerks finden, in dem sich aiic-Dolmetscher aus 22 Ländern für die Nachwuchsförderung engagieren.

Alle Rechte vorbehalten – Kölner Stadt-Anzeiger, Ausbildung und Beruf. 29.9.2004.

Ein Tag im Leben einer EU-Dolmetscherin

Ohne sie geht bei den EU-Verhandlungen gar nichts: Die Dolmetscher. Unsere Autorin Isabella Holz hat sich mit einer EU-Dolmetscherin unterhalten. Aus diesem Gespräch entstand die Schilderung über den Alltag der EU-Dolmetscher.

Montag: Die Vorbereitungen

17:30

„Also noch mal: Real hat gegen Chelsea 2:1 gewonnen und trifft nächste Woche auf Liverpool…Nein, Figo wurde nicht gesperrt, der hat sich das Bein verletzt. Und die Bayern spielen erst morgen!“

Genervt ertönt die Stimme meines Freundes aus dem Handy. Nicht dass mich Fußball wirklich interessieren würde. Aber ich muss mich auf meinen morgigen Tag als Dolmetscher bei der EU vorbereiten. Und da gehört es nun mal dazu, über wichtige Sportereignisse informiert zu sein, um diesbezügliche Anspielungen der Abgeordneten richtig übersetzen zu können. Während ich meinen blauen Blazer aus der Reinigung hole, bringt mich daher mein Lebensgefährte, seines Zeichens Sportexperte, auf den neuesten Stand.

18:40

Daheim angekommen kontrolliere ich vergeblich meine eMails. Das Sekretariat hat mir das Programm für die morgige Sitzung noch nicht zugeschickt. Indessen überprüfe ich meine Hotelreservierung für morgen Abend. Denn unsere Unterkunft wird – im Gegensatz bei Arbeitgebern der freien Wirtschaft – von der EU nicht organisiert. Darum müssen wir uns selbst kümmern. Ein kurzer Blick auf meine Ausweise und Zugangskarten. Sind alle noch gültig.

20:15

Endlich liegt die morgige Tagesordnung in meinem Postfach: eine thematische Strategie der nachhaltigen Nutzung von Pestiziden wird diskutiert. Wie üblich werden wir Übersetzer sehr kurzfristig über das genaue Thema der Sitzung informiert: Abends um acht erfährt man, in welchem Fachbereich am nächsten Morgen um zehn gedolmetscht werden muss. Doch Vorbereitung ist das A und O. Auch wenn sie buchstäblich in letzter Minute erfolgt. Schnell suche ich im Internet nach Glossaren mit den passenden Fachbegriffen. Nach einer Stunde Recherche habe ich genügend Material zusammen und lade die Dateien auf meinen Laptop. Sogar ein paar passende spanische Texte habe ich gefunden. Mit ihnen kann ich mich nachher noch ein bisschen in die Thematik einlesen.

Dienstag: Im EU-Parlament

Hintergrund

Die EU ist die größte ständige Konferenz aller Zeiten. Seit über 50 Jahren kommen hier Politiker aus einer Vielzahl an Staaten zusammen. Um allen Teilnehmern die Artikulation in ihrer Muttersprache zu ermöglichen unterhält die Union den größten Dolmetscherdienst der Welt: Der Gemeinsame Dolmetscher- und Konferenzdienst (SCIC) ermöglicht das qualitativ hochwertige Verdolmetschen von Sitzungen der Europäischen Kommission, des Rats, der Ausschüsse, der Europäischen Investitionsbank und weiterer Einrichtungen.

6:00

Mit einer Tasse Tee sitze ich beim Frühstück, die neueste Ausgabe der Vanguardia in der Hand. Regelmäßiges Zeitungslesen ist ebenso wichtig wie der Sportlektionen meines Freundes. Denn eine interessante Meldung aus Spanien, Griechenland oder Frankreich geistert oft durch alle Sitzungen, und sei es auch nur in Form flüchtiger Andeutungen.

6:30

Während ich mich anziehe, höre ich noch schnell einen Teil der BBC News. Als der Wetteransager kommt, packe ich einen Apfel und eine Schachtel Halsbonbons in meine Tasche und los geht’s. Mein Arbeitstag beginnt zwar erst um 9.30 Uhr, allerdings plane ich immer einen großzügigen Zeitpuffer für Verzögerungen ein, damit ich nicht doch durch unvorhergesehene Ereignisse zu spät komme.

8:20

Heute Morgen sind die Straßen zwar gut befahren, aber es gibt keinen Stau. So bin ich schon eine Stunde vor Arbeitsbeginn im EU-Parlament. Während ich noch gemütlich einen Tee trinke, überfliege ich noch einmal Tagesordnung und Teilnehmerliste der Sitzung.

Auf dem Flur treffe ich einen englischen Kollegen. Er sitzt in der Kabine neben mir und übersetzt aus dem Lettischen. Ich werde mich später, wenn der lettische Abgeordnete spricht, auf seine Kabine aufschalten, um seine englische Übersetzung ins Deutsche zu übersetzen, da wir für die Kombination deutsch-lettisch keinen Dolmetscher haben.

9:20

Gleich beginnt die Sitzung. Viele der Teilnehmer sind schon im Saal. Einige unterhalten sich, andere gehen noch einmal ihre Unterlagen durch. Auch ich schalte meinen Laptop ein, um das passende Glossar im Fall der Fälle griffbereit zu haben. Dann setze ich die Kopfhörer auf und stelle die Lautstärke ein.

So, nun bin ich bereit: Links von mir eine große Wasserflasche, daneben meine Tasche auf dem Boden. Direkt vor mir die drei Knöpfe, um den Ein- und Ausgangskanal zu steuern. Täuschen Sie sich nicht, was hier ziemlich lächerlich erscheint, erfordert in Wahrheit große Konzentration!

10:05

Gerade hat mich ein Kollege aus München abgelöst und ich mache eine wohlverdiente Pause. Denn die Arbeit im Plenum des EU-Parlaments ist besonders anstrengend, weil die Redner dort nur begrenzte Redezeiten haben und daher schneller sprechen.

Nach der Pause kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu: Denn dann redet ein Schwede. Und da einige der anderen Dolmetscher kein Schwedisch beherrschen, werden sie meine Übersetzung übersetzen. Um meine Kollegen dies zu erleichtern, muss ich verstärkt auf meinen Satzbau achten. Während wir das Verb oft an das Satzende stellen, steht es bei vielen anderen Sprachen wie z.B. Englisch immer im ersten Satzteil. Deshalb muss ich beim Dolmetschen nicht nur an die Zuhörer im Saal sondern auch an meine Kollegen denken und aufpassen, dass ich das Verb nicht so weit nach hinten setze.

18:30

Nachdem ich noch mit einem polnischen und zwei spanischen Dolmetschern essen war, mache ich mich auf den Weg zu meinem Hotel. Denn da mich die EU gleich morgen wieder für eine Ausschusssitzung braucht, lohnt sich der Heimweg nicht.

So geht ein anstrengender Tag zu Ende. Und der nächste wird sicherlich nicht weniger stressig. Aber die Mühe lohnt sich. Denn wo sonst findet man ein solch spannendes internationales Arbeitsumfeld. Die Möglichkeit, sich tagtäglich in jeder Pause mit Kollegen aus den unterschiedlichsten Ländern auszutauschen. Aus erster Hand etwas über die Situation und das Leben in den verschiedenen Staaten zu erfahren. Und außerdem ist es natürlich auch toll, immer wieder live zu erfahren, wie sich die Gemeinschaft durch Kommunikation über eine reine Wirtschaftsgemeinschaft hinaus weiterentwickelt. Zu sehen, dass allen Streitigkeiten zum Trotz eine Einheit da ist. Dass die EU funktioniert.

Alle Rechte vorbehalten.Europa-Digital.de, 25.10.2004.

Dolmetscher – Stress pur in der Kabine

Sie stehen nicht im Rampenlicht, sondern arbeiten im Hintergrund. Und doch sind sie unverzichtbar für das Gelingen internationaler Konferenzen: die Dolmetscher. Von SZ-Redaktionsmitglied Sebastian Lange

Saarbrücken. In der Dolmetscherkabine ist es heiß, die Luft ist stickig. Die Konferenz zieht sich in die Länge. Lang ist auch die Rede des Referenten. Die Dolmetscherin überträgt ins Englische. Der Mann spricht über Aktienrecht, und er spricht von Fachmann zu Fachmann. Nur: Zwischen Fachmann und Fachmann ist hier eben diese Barriere, die Sprache. Bianca Schulz hilft den Zuhörern darüber hinweg, sie übersetzt simultan und muss blitzschnell erfassen, was der Redner im Begriff ist zu sagen und das unmittelbar übersetzen. Da darf es kein Zögern geben. Kein Stocken. Und wenn schon das Fachdeutsch für manchen Deutschen wie Chinesisch klingt, wird das Dolmetschen richtig stressig. Darum wechselt sich die Übersetzerin auch alle 20 bis 30 Minuten mit einem Kollegen ab. Die 37-jährige Bianca Schulz hat an der Universität des Saarlandes ihr Diplom im Fach Dolmetschen und Übersetzen erworben. Als Schulz, gebürtig aus Bad Honnef, 1986 zu studieren begann, war Saarbrücken neben Heidelberg und Mainz einer von nur drei Hochschul-Standorten in Deutschland, an denen das Fach gelehrt wurde. Heute gibt es zahlreiche, darunter Köln, Berlin, Leipzig. Schulz wählte Englisch als Hauptsprache und spezialisierte sich auf Rechtsterminologie. Nach dem Abschluss ging sie nach Bonn, um in der damaligen Bundeshauptstadt ihr Glück als freiberufliche Konferenzdolmetscherin zu suchen. „Anfangs habe ich allerdings zusätzlich gekellnert und in der Fußgängerzone Schmuck verkauft“, berichtet sie. Denn als Dolmetscher muss man sich erst einen Namen machen. 1999 zog Schulz wie der Bundestag nach Berlin um. Heute kann sie vom Dolmetschen leben. Bei Konferenzen verdient sie an einem Tag zwischen 700 und 1000 Euro. Im Einsatz ist Schulz an zirka 80 Tagen pro Jahr. Zudem ist sie jedoch PR-Referentin für die Region Deutschland des internationalen Konferenzdolmetscher-Verbandes, der „Association des Interprètes de Conférence“. „Das Schöne an dem Beruf ist, dass man ständig etwas Neues lernt und sich immer wieder mit neuen Themen befasst“, sagt sie. Denn die reine Dolmetsch-Tätigkeit ist bei weitem nicht das ganze Geschäft. Wer wie Schulz im Bundestag, bei Messen wie der „Grünen Woche“ und bei Konferenzen politischer Stiftungen übersetzt, muss sich vorher und nachher intensiv mit den dort behandelten Fragen auseinander setzen. „Ich lege Vokabellisten an und lese englische und deutsche Tageszeitungen.“ Und sie studiert Fachliteratur. Denn wer nicht auf dem Laufenden bleibt, kriegt Probleme. Schulz: „Den Nahost-Friedensplan ,Road map‘ sollte man tunlichst nicht mit ,Straßenkarte‘ übersetzen.“ Sondern eben gar nicht. Die meisten Dolmetscher sind freiberuflich tätig. Feste Stellen sind selten, allenfalls Ministerien und große Unternehmen haben eigene Sprachendienste. Und bei den Unternehmen geht der Trend zum Outsourcing. „Die Marktlage ist zurzeit eher schwierig, obwohl es bei der Europäischen Union wegen der Osterweiterung einen großen Bedarf gibt“. Dolmetscher für Polnisch, Tschechisch oder Ungarisch haben daher echte Chancen.

Alle Rechte vorbehalten. Saarbrücker Zeitung, 26.10.2004.

Hinter der Glasscheibe herrscht Dunkelheit

Heidelberger Dolmetscher sorgen dafür, dass sich Kongressteilnehmer verstehen / Jede Berufsgruppe hat ihre eigene Sprache

Der kleine Raum ist in ein schummriges Licht getaucht, nur an den Arbeitstischen brennen zwei Leselampen. Bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, vergehen ein paar Sekunden.“Auf diese Weise können wir besser in den Saal sehen“, erklärt Miriam Söllch. Zusammen mit ihrem Kollegen Mike Morandin wird sie heute einen Kongress in Langen dolmetschen.

Während sich auf der anderen Seite des langen, schmalen Fensters die ersten Besucher einfinden, werfen Söllch und Morandin noch einen Blick durch die Präsentationen. Auf den Laptops vor ihnen sind elektronische Wörterbücher installiert, mit denen sie Ausdrücke schnell nachschlagen können. Die Kongressteilnehmer, hauptsächlich Optiker und Augenärzte, wollen sich über die neuesten Entwicklungen bei Kontaktlinsen informieren – die Vorträge wimmeln nur so von Fachbegriffen.

Die Dolmetscher haben sich eine Liste mit den häufigsten Ausdrücken angelegt, ein Vokabelheft also. „Ein Kollege von mir musste einmal einen Pudelzüchter-Kongressdolmetschen“, lacht Morandin. Je nach Spezialisierungsgrad einer Veranstaltung sitzen sie bis zu drei Wochen an der Vorbereitung. Danach richtet sich auch der Tagessatz, der bei 700 Euro beginnt.

Mit einem weiteren Kollegen teilen sie sich ein Büro in Heidelberg. Im Prinzip kann sich jeder Dolmetscher nennen, weil der Beruf nicht geschützt ist. Die Tatsache, dass Morandin und Söllch im Dachverband aiic Mitglied sind, zeigt den Kunden jedoch, dass sie es hier mit ausgebildeten Profis zu tun haben.

Beide haben durch ihr Dolmetscher-Studium an der Uni Heidelberg einen soliden Grundstock an Vokabeln erworben. Jede Berufsgruppe hat aber ihre eigene Sprache. “ Teilweise verstehen sich nicht einmal Amerikaner und Briten“, sagt Morandin. Medizinische Begriffe etwa, die aus dem Lateinischen stammen, werden in den beiden Ländern oft völlig unterschiedlich ausgesprochen. Um die Kongressteilnehmer nicht zu verwirren, sprechen die beiden Heidelberger Dolmetscher deshalb grundsätzlich britisches Englisch.

Dann fängt der Kopf des Mikrofons an, rot zu leuchten, und es geht los. Während die englischen Worte aus dem Kopfhörer auf ihn einprasseln, übersetzt Morandin mit leichter zeitlicher Versetzung ins Deutsche. Er muss abwarten, was der Sprecher tatsächlich sagen will – ein Grund dafür, warum das Kurzzeitgedächtnis bei Dolmetschern unverhältnismäßig stark ausgeprägt ist. In diesem Fall werden die Teilnehmer gerade mit einem starken italienischen Akzent begrüßt, was die Sache für Morandin nicht gerade leichter macht. Doch er spricht fließend, unterstreicht seine Formulierungen mit Handbewegungen, als ob er selbst vorne im Saal stehen würde.

Kurze Zeit später ist Miriam Söllch an der Reihe. Und auf einmal hört sich die Heidelbergerin an, als ob sie nie etwas anderes als Englisch gesprochen hätte. Nur einmal kommt sie kurz ins Stocken: „Schau mal ,Gleitsicht’ nach“, sagt sie schnell zu Morandin, während sie die Stumm-Taste drückt. Die Teilnehmer der Konferenz bekommen nichts davon mit.

Alle Rechte vorbehalten. Mannheimer Morgen, Simon Scherrenbacher, 29.5.2006.

Babel 2007

In der nächsten Woche beginnt in Heiligendamm der G8-Gipfel. Mit dabei: George W. Bush, Wladimir Putin und Angela Merkel. Doch die wichtigsten Teilnehmer bleiben namenlos. Über die stille Macht der Dolmetscher (von Andreas Bernard)

Dolmetscher sind unsichtbar. Das glaubt man jedenfalls, wenn Annelie Lehnhardt, ein Vierteljahrhundert lang die Spanisch-Dolmetscherin der deutschen Bundeskanzler, über die persönlichen Begegnungen von Staatschefs spricht. Auf die Frage, warum die Dolmetscher bei diesen Zweiertreffen keine Gesprächsprotokolle anfertigen, antwortet sie: „Ich nehme an, das liegt daran, dass es eben wirkliche Vier-Augen-Gespräche sind, deren Inhalt allenfalls an die engsten Mitarbeiter weitergegeben wird.“ Sie zögert kurz, als würde sie den gerade ausgesprochenen Worten hinterherhorchen, und ergänzt: „Na ja – und wir zählen natürlich nicht.“

Die Ungerührtheit, mit der sie den Satz ausspricht, verrät viel über das Selbstverständnis dieses Berufsstands. Dolmetscher werden als Augenpaar im Raum nicht mitgerechnet und als reine Durchgangsstation der Wörter angesehen. „Wir sind das Schmieröl, das den Motor am Laufen hält“, sagte ein EU-Dolmetscher in einem Zeitungsinterview einmal; von dem langjährigen Russisch-Dolmetscher der US-Regierung Bill Hopkins stammt die Aussage: „Ich bin eine Leitung, sonst nichts.“ Diese technischen Vergleiche haben ihren Grund. Denn Dolmetscher nehmen in den Gesprächen, die sie übersetzen, nicht die Position eines beteiligten Subjekts ein, sondern eher die eines reibungslos funktionierenden Mediums.

Veranstaltungen wie etwa internationale politische Konferenzen wären ohne Dolmetscher nicht denkbar. In der Berichterstattung der Medien, die an Nachrichten, nicht aber an der komplexen Frage nach deren Zustandekommen interessiert sind, tauchen diese diskretesten Akteure des Politikbetriebs nicht auf; jeder Zeitungsartikel, jeder Fernsehbeitrag über internationale Politik tut aufs Neue so, als spielten Sprachunterschiede keine Rolle, als würden die Reden und Papiere, die Debatten und Verlautbarungen von allen Anwesenden unmittelbar verstanden und kommentiert. In Wirklichkeit gehört zuverlässige Dolmetscharbeit zu den zentralen Bedingungen der Weltpolitik, wie man gerade jetzt, im Vorfeld des G8-Gipfeltreffens in Heiligendamm vom 6. bis 8. Juni, wieder sehen kann.

Annelie Lehnhardt, seit vier Jahren Leiterin des „Dolmetschdienstes“ des Auswärtigen Amtes, arbeitet bereits seit Januar an der Organisation der Sprachenvermittlung in Heiligendamm, die nach dem „Muttersprachenprinzip“ funktionieren wird. Die Simultandolmetscher in ihren Kabinen übersetzen also aus bis zu fünf Fremdsprachen in ihre Muttersprache. Die unterschiedlichen Veranstaltungstypen in den knapp zwei Tagen des Gipfeltreffens verlangen auch nach verschiedenen Dolmetschverfahren. Beim Begrüßungsessen für die acht Staatschefs und ihre Ehepartner am Mittwochabend wird, um den intimen Charakter des Abends zu wahren, vor allem im „Flüster“-Modus übersetzt, wie es im Fachjargon heißt; hinter den Politikern sitzen die persönlichen Dolmetscher auf niedrigen Schemeln und sprechen die Worte der Staatschefs ins Ohr ihrer Vorgesetzten. Die aufwendig berechnete Sitzordnung an diesem Abend richtet sich neben protokollarischen Gesichtspunkten danach, wer von den Anwesenden sich auch ohne Übersetzungshilfe verständigen kann; je weiter man voneinander entfernt platziert ist, desto weniger ist man auf einen flüsternden Dolmetscher angewiesen.

Am Donnerstag und Freitag dann finden zahlreiche Konferenzen und drei Arbeitsessen für die gesamten Delegationen statt; die Redebeiträge werden aus Dolmetscherkabinen simultan in die Konferenzsprachen übersetzt, ins Deutsche, Englische, Französische, Italienische, Russische und Japanische. Weil sich für letztere Sprache allerdings kaum hochqualifizierte Dolmetscher finden lassen, überträgt man das Japanische in Heiligendamm nur ins Deutsche und vom Deutschen zurück; Deutsch ist auf diesem Gipfeltreffen also die sogenannte Relais-Sprache. Die Übersetzungen aus den und in die anderen vier Sprachen laufen über den Umweg des Deutschen. Die japanische Delegation bekommt daher fast alle Beiträge auf doppelt vermittelte Weise zu hören, was den unversehrten Transport des Sinns auf eine ernste Probe stellt und unwillkürlich Erinnerungen an ein bekanntes Kinderspiel weckt. Annelie Lehnhardt weiß um diese Assoziation und fügt schnell hinzu: „Stille Post spielen wir aber nicht!“

Gerade während der großen Arbeitsessen am 7. und 8. Juni wird anschaulich, wie massiv die Dolmetscharbeit die internationale Politik bestimmt. Denn auch an der langen Tafel tragen die Mitglieder der Delegationen weiterhin Kopfhörer; die Anwesenden müssen gleichzeitig essen, sprechen und den zwischen den Gängen gehaltenen Beiträgen zuhören. Die insgesamt 18 Simultandolmetscher (drei für jede Muttersprache, die sich in Dreißig-Minuten-Schichten abwechseln) befinden sich in Heiligendamm aus Platzgründen nicht im selben Raum. Da Gesichtsausdruck und Gestik der Sprechenden für die Dolmetscher aber entscheidend sind, um das Gesagte optimal zu übersetzen, sind in den Kabinen Flachbildschirme installiert. Ein spezielles Kamerasystem im Konferenzraum sorgt dafür, dass die Dolmetscher stets den aktuellen Redner in Großaufnahme vor sich haben können.

Wenn man bedenkt, dass sich internationale Beziehungen in Friedenszeiten weitestgehend über (geschriebene und gesprochene) Sprache regulieren, wird die Verantwortung, die Übersetzer und Dolmetscher für die Weltpolitik haben, deutlich. Wie ernst diese Verantwortung auch von staatlicher Seite genommen wird, zeigt sich daran, dass Regierungen zumeist über Jahrzehnte hinweg dieselben Dolmetscher für ihre Spitzenpolitiker einsetzen, in Deutschland eben Annelie Lehnhardt oder, für die französische Sprache, Werner Zimmermann, dessen Tätigkeit Gegenstand des beeindruckenden Dokumentarfilms Die Flüsterer aus dem Jahr 2005 ist. Diese fest angestellten Dolmetscher begleiten Kanzler oder Bundespräsidenten überallhin und werden für sie irgendwann sogar zur Orientierungshilfe im Dickicht des randvollen Tagespensums. „Wenn Herr Kohl Frau Lehnhardt sah“, so Werner Zimmermann, „wusste er: „Aha, jetzt kommt was Spanisches“, auch wenn er seinen Terminkalender nicht parat hatte.“

Gerade in der heiklen Gesprächsatmosphäre zwischen Staatschefs, die sich zum ersten Mal begegnen und aus unterschiedlichen politischen Richtungen kommen, muss der Dolmetscher Ruhe bewahren. Natürlich darf die Übersetzung einen verschärften Tonfall oder sogar Beleidigungen nicht übergehen; „was man allerdings tun kann“, so Annelie Lehnhardt in Erinnerung an Treffen zwischen Gerhard Schröder in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident und Fidel Castro, „ist, zu einer guten Gesprächsatmosphäre beizutragen, in jeder Situation ausgeglichen zu bleiben.“

Jene Politiker, die sich auf Präsidenten- oder Ministerebene ständig im internationalen Austausch mit ihren Amtskollegen befinden, wissen die Einfühlsamkeit und Kontinuität der Spitzendolmetscher zu schätzen. „Im Grunde sind sie ja den Dolmetschern ausgeliefert. Sogar im Englischen und Französischen, wenn Präzision im Ausdruck notwendig ist“, sagt etwa der frühere Außenminister Klaus Kinkel. „Ich wusste über lange Jahre hinweg immer, wer für mich dolmetscht; da bildet sich ein enges Vertrauensverhältnis.“

In Gesprächen mit Dolmetschern über ihre eigenen Ansprüche an die Arbeit fällt mit minimalen Abweichungen immer derselbe Satz. Es geht um die Sehnsucht nach Selbstauflösung. „Ich möchte erreichen, dass mein Zuhörer mich als Dolmetscher vergisst“, sagt Christiane Giesen, eine freiberufliche Dolmetscherin, die auch auf höchster politischer Ebene arbeitet. Annelie Lehnhardt formuliert es ähnlich: „Das ist das schönste Kompliment an einen Dolmetscher: dass die beiden Staatschefs dachten, sie kommunizieren direkt.“Je weniger ihre Anwesenheit bemerkt wird, desto virtuoser haben sie gearbeitet: eine merkwürdige, undankbare Form der Anerkennung. Unauffälligkeit, Zurücknahme, höchste Diskretion sind die Gütesiegel eines Spitzendolmetschers, und diese Charakterzüge sind nicht allein während der Konferenzen unerlässlich, sondern auch davor und danach.

„Ja, man muss sich sehr disziplinieren können in dem Beruf“, sagt Annelie Lehnhardt und spricht darüber, dass man nach abgelegtem Schweigegelöbnis bei der Anstellung nicht einmal seinem Ehepartner etwas über die Arbeitseinsätze erzählen darf, weder über den Inhalt der Veranstaltungen noch über das Verhalten der oftmals berühmten Teilnehmer, das man aus nächster Nähe mitverfolgen kann. Lehnhardt erwähnt „allzu redselige Kollegen, die hier fehl am Platz sind“, und sagt, dass der Bruch der Amtsverschwiegenheit unweigerlich zu disziplinarischen Konsequenzen führe.

Wenn Dolmetscher aber jeden Tag aufs Neue an der Perfektionierung ihres eigenen Verschwindens arbeiten, stellt sich die Frage nach dem psychologischen Profil dieser Tätigkeit. Haben Menschen, die sich für diese Tätigkeit entscheiden, ein Narzissmus-Defizit? Inmitten der Großperformer aus Spitzenpolitik und Weltwirtschaft, die keiner Kamera aus dem Weg gehen, die ein Lächeln, einen Händedruck minutenlang ausdehnen können, bis auch der letzte Fotograf den Auslöser betätigt hat, geht es ihnen um das genaue Gegenteil. Dolmetscher haben ein ebenso untrügliches Gespür für die Anwesenheit von Kameras entwickelt, aber sie nutzen es, um ihnen rechtzeitig aus dem Weg zu gehen. „Ich habe das ganz stark verinnerlicht: Sobald irgendwo eine Kamera auftaucht, ziehe ich mich kurz zurück“, sagt Christiane Giesen.

Man muss sich vergegenwärtigen, welchen Einfluss das ständige Im-Namen-eines-anderen-Sprechen auf die Dolmetscher haben kann. Wie fühlt es sich an, zwölf Stunden lang nur Durchgangsstation der Worte gewesen zu sein, unter Bedingungen, die diesen Beruf laut WHO-Studie zum drittanstrengendsten überhaupt nach Astronaut und Pilot von Hochgeschwindigkeitsflugzeugen machen? Kann das Gehirn überhaupt noch eigene Gedanken und Sätze produzieren, oder geht es Simultandolmetschern wie dem Stimmenimitator in Thomas Bernhards gleichnamiger Geschichte, der zwar der virtuoseste Parodist von allen ist, aber irgendwann nicht mehr weiß, wie er selber spricht? Kate Vanovitch, eine langjährige Kollegin von Christiane Giesen, die auch bei politischen Spitzengesprächen übersetzt, bestätigt diese latente Krise des Spitzendolmetschers. Es sei ein Problem, übergangslos auf das eigene Denken umzuschalten: „Das war für mich manchmal schwer in stressigen Zeiten: dass ich, wenn ich nicht aufpasse, nicht mehr genau „, wer ich selber bin.“

Die Frage nach der Persönlichkeitsstruktur von Dolmetschern ist auch deshalb nahe liegend, weil die Besten unter ihnen immer wieder bezeugen, nicht nur einfach die Bedeutung der Worte zu übersetzen, sondern sich in den Redner einzufühlen, seine Mimik, seinen Tonfall zu studieren, als ginge es um eine Theaterrolle. Wo liegt die Grenze zwischen dem Dolmetscher als eigenständiger Person und derjenigen des Redners? Klaus Kinkel vermutet, dass es diese Grenze vielleicht gar nicht gibt: „Die sind ja „his master’s voice“, die sind Sie ja selber, die kennen Ihr Denken. Meine Englischdolmetscher, zum Beispiel, die hätten auch meine Geschäfte führen können – vor allem wenn ich müde war. Die dachten den Kinkel!“ Auf die Frage, ob seine ständigen Dolmetscher eine vollständig andere politische Grundposition als er selbst hätten einnehmen können, sagt er: „Da habe ich Zweifel. Ich kam aber Gott sei Dank nie in eine solche Situation.“

Dürfen Dolmetscher also keine eigenen Überzeugungen haben? Sind sie nichts anderes als das indifferente Verlautbarungsorgan eines fremden Willens? Nein, alle sind sich einig, bestimmte Grenzen nicht zu übertreten. Catherine Gay, eine erfahrene Dolmetscherin in der internationalen Politik, lehnte einmal das Angebot ab, eine Scientology-Veranstaltung zu übersetzen, und Kate Vanovitch beschreibt ihren Zustand, nachdem sie ohne genaue Kenntnis des Auftraggebers die Zusammenkunft einer anderen fanatischen Religionsgemeinschaft gedolmetscht hatte: „Ich wollte sofort nach Hause und hatte das dringende Bedürfnis, mich zu waschen.“Das Problem, dass die angesprochenen Themen für die Dolmetscher die Schwelle zur Unerträglichkeit überschreiten, ist so alt wie das Berufsbild selbst. Die erste Großveranstaltung, auf der Simultandolmetscher auftraten, waren 1945 die Nürnberger Prozesse, und die vielen jüdischen Übersetzer sahen sich immer wieder mit antisemitischen Auslassungen der Angeklagten konfrontiert und weigerten sich, in ihrer Arbeit fortzufahren.

Bei aller Zurücknahme dieses Berufsstands gibt es also immer einen Rest an Eigenmächtigkeit, an Souveränität. Dieser Rest beschwört aber auch eine Frage herauf, die im täglichen politischen Betrieb unerwähnt bleibt: Kann man den Dolmetschern wirklich vollends vertrauen? Oder produziert dieser Kanal zuweilen auch Störgeräusche? In den Ministerien und Dolmetscherverbänden versichert man, dass die Zuverlässigkeit des Übersetzungssystems nicht zu erschüttern sei. Klaus Kinkel etwa sagt: „Ich habe in langen Jahren kein einziges Mal das Gefühl gehabt, dass da auch nur ein Anschein von Illoyalität vorgekommen wäre.“Und ein Dolmetscher, der auf einer wichtigen politischen Konferenz fehlerhaft übersetzen würde, hätte sich seine Karriere für alle Zeiten verbaut.

Diesen Beteuerungen zum Trotz gibt es aber von Zeit zu Zeit Meldungen wie die aus dem Jahr 1998, als nach einer Dänemark-Reise Roman Herzogs der Verdacht aufkam, ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter und Spitzendolmetscher Erich Honeckers habe die Gespräche zwischen Herzog und Königin Margrethe übersetzt. Oder eine Episode, die Hans-Dietrich Genscher auf der Feier zum 50. Geburtstag des Internationalen Dolmetscherverbandes AIIC erzählte: Wie er in Helsinki auf einer KSZE-Konferenz bei der Vorstellung der Schlussakte für Irritationen sorgte, weil der kurzfristig eingesprungene Aushilfsdolmetscher bei einem Passus über die erhoffte „friedliche Veränderung der Grenzen“ kurzerhand das „friedlich“ unterschlug, sodass die finnischen Journalisten staunend von der „Veränderung der Grenzen“ erfuhren, für die Genscher plädierte. Dass der Übersetzungskanal nicht immer reibungslos funktionieren muss, das zeigen schließlich auch nervositäts- oder stressbedingte Stockungen, die sich selbst auf dem Niveau von Ministertreffen immer wieder ereignen. Annelie Lehnhardt erinnert sich an eine Dolmetscherin ins Italienische, die irgendwann einen minutenlangen Blackout hatte. Und da die Sprache in dieser Konferenz Relais-Status hatte, war der kurzzeitige Einbruch der Übersetzerin umso fataler.

In solchen Momenten bricht in die politische Realität das ein, was die Fantasien der Literatur und des Kinos immer schon an der Figur des Dolmetschers interessiert hat: dass das unauffällige Bindeglied der Rede plötzlich die Macht ergreift, zum Risikofaktor wird, zur strategisch günstigen Position für Spione, Parasiten, Störer. Der berühmteste dieser subversiven Dolmetscher in der Literaturgeschichte ist die Hauptfigur aus Javier Marias’ Roman Mein Herz so weiß: ein Simultanübersetzer, der zwischen zwei Staatschefs falsch vermittelt und erfundene Fragen stellt, um das Gespräch in eine von ihm gewünschte Richtung zu lenken. Er weiß, dass es zumeist keine Kontrollinstanz gibt, die die Wahrhaftigkeit seiner Arbeit bezeugen könnte: Niemand außer dem Dolmetscher selbst kann beurteilen, ob die übersetzten Worte den geäußerten tatsächlich entsprechen.

Gerade wenn sich das »Schmieröl«, die »Leitung« als ein menschliches Wesen entpuppt – mit all seinen unwägbaren Eigenschaften wie Verführbarkeit, Neugier, Selbstgefälligkeit, Reflexionsvermögen –, gerade dann scheint für einen Augenblick die schillernde Uneindeutigkeit dieser Figur auf. Man könnte sagen, dass sich in ihr Subjekt und Medium ständig überblenden.

In dem Dokumentarfilm Die Flüsterer gibt es einige Szenen vom Besuch Jacques Chiracs bei Gerhard Schröder in Berlin, die diese Vermischung sichtbar machen. Als Chirac etwa vor dem Kanzleramt aus dem Auto steigt und Schröder begrüßt, wird Werner Zimmermann, der sofort an der Seite steht und übersetzt, von beiden vollkommen ignoriert, als wäre er eine Art beigestelltes Mikrofon. Später im Foyer gehen die beiden Staatschefs umher, unterhalten sich ohne jede Stockung – doch plötzlich, als Schröder sich einmal abwendet, dreht sich Chirac zu Zimmermann (den er natürlich seit Jahren kennt) und fragt ihn unvermittelt, wie es ihm gehe und was die Krankheit seiner Mutter so mache. In dieser Szene ist die ganze Faszination des Dolmetschers enthalten. Für ein paar Sekunden ist er plötzlich Adressat der Worte, bevor er sich wieder in seine gewohnte Rolle zurückverwandelt: in einen bloßen Kanal, in ein Kabel aus Fleisch und Blut.

Alle Rechte vorbehalten. Süddeutsche Zeitung Magazin, 31.5.2007

Schlechtes Deutsch besser als gutes Englisch

Error, error: Der Sportwagenhersteller Porsche setzt intern ganz auf die deutsche Sprache. Weil der Einfallsreichtum der Ingenieure dann größer ist – Stefanie Gentner

Porsche hat sich zu einem der angesehensten Automobilhersteller entwickelt. Ein Erfolgsfaktor könnte der konsequente Einsatz des Deutschen als Unternehmenssprache sein – betont die Zuffenhausener Firma selbst. Das sagen aber auch Unternehmensberater und Sprachforscher.

Jüngst quittierten nun auch noch die Leser der Zeitschrift Deutsche Sprachwelt das Engagement der Porsche AG mit Wertschätzung und wählten den Autohersteller zum „Sprachwahrer des Jahres“.

Tatsächlich lassen sich mit dem konsequenten Gebrauch der deutschen Sprache als Konzernsprache – so wie es Porsche durchzusetzen versucht – entscheidende Vorteile erzielen.

Etwa in Besprechungen: Die Erfahrung zeigt, dass selbst Diplom-Ingenieure – Werksleiter mit bis zu 5000 Mitarbeitern – in „Meetings“ nichts sagen, weil ihnen auf Englisch nichts einfällt oder sie sich nicht blamieren wollen.

Porschechef Wendelin Wiedeking betonte hierzu schon vor einiger Zeit im Spiegel: „Natürlich können sich die Manager in Englisch verständigen. Aber das ist nicht auf allen Arbeitsebenen der Fall. Ganz schwierig wird es, wenn es um Details geht, um die Einzelteile eines Motors beispielsweise. Doch gerade bei diesen Themen müssen sich die Mitarbeiter perfekt verständigen. Und wenn Englisch oder Französisch die Konzernsprache ist, benachteiligt man automatisch alle, für die dies nicht die Muttersprache ist.“

Es erscheint nur allzu offensichtlich, dass hier Arbeitsprozesse langwieriger vonstattengehen oder sogar ganz schieflaufen. „In großen Runden reden dann plötzlich nur noch die, die gut Englisch sprechen und nicht die, die fachlich Ahnung haben“, sagt Betriebslinguistiker und Unternehmensberater Reiner Pogarell. Er hat ein passendes Beispiel: „Allein das Wort ‚Fehler’ lässt sich im Deutschen in feinsten Abstufungen ausdrücken.“

Ob Qualitätsmangel, Versehen, Fehlplanung oder Missmanagement. Der deutsche Ingenieur kennt hier im Englischen vielleicht nur das Wort „Error“ und bringt somit längst nicht an den Tag, was er tatsächlich sagen will. „So scheitern einfachste Arbeitsprozesse“, sagt Pogarell.

Das geht in der Sachbearbeitung dann weiter. Wird der eingehende Auftrag nicht verstanden, wird er nicht bearbeitet. „Schlechtes Deutsch ist hier oft besser als nur Englisch“, weiß Pogarell aus seiner Praxis in deutschen Unternehmen.

Ein Porsche-Sprecher bringt es noch einmal auf den Punkt: „Natürlich müssen auch bei uns alle Englisch können, um sich international bewegen zu können. Es ist aber doch die Muttersprache, die uns wirklich stark macht.“

Vorstellungskraft fördern

Gerade in den Entwicklungsabteilungen geht es um Vorstellungskraft, Denkschärfe und um reibungslose Verständigung. Der Einfallsreichtum der Ingenieure ist in ihrer Muttersprache am größten, heißt es bei Porsche. Dieser soll auf keinen Fall gebremst werden.

Der Erfolg gibt dem Unternehmen Recht. So konnte es für das Jahr 2007 unter anderem einen Zulassungsrekord in Deutschland und einen Verkaufsrekord in Nordamerika ausweisen.

Nach einer Umfrage des Manager Magazins ist Porsche außerdem zum achten Mal in Folge zum Unternehmen mit dem besten Ansehen in Deutschland gekürt worden.

Auch andere Firmen setzen konsequent auf die deutsche Sprache, etwa Eon Westfalen-Weser. Das Unternehmen hat sogar einen entsprechenden Leitfaden für die Mitarbeiter zusammengestellt.

Das Gros der Firmen folgt jedoch dem Trend der „Verenglischung“: Viele Unternehmen anglisieren sogar ihre Firmennamen, wie beispielsweise BMW Group, Deutsche Post World Net oder Deutsche Bahn Mobility Network Logistics.

Siemens nennt ihre Abteilungen nur noch Power Generation, Automation Technologies oder Lighting. Ebenso bei BASF: Hier hat sich Vorstandsvorsitzender Jürgen Hambrecht darum bemüht, die Unternehmensbereiche seit dem 1. Januar 2008 mit englischen Bezeichnungen zu versehen, ohne dafür deutschsprachige Entsprechungen anzubieten.

So wurden aus den vormals fünf Segmenten Chemikalien, Kunststoffe, Veredelungsprodukte, Pflanzenschutz/Ernährung und Öl/Gas nun die sechs neuen Bereiche Chemicals, Plastics, Functional Solutions, Performance Products, Agricultural Solutions und Oil&Gas.

„Comical Company“

Manch einer machte sich schon lustig, nannte BASF nicht mehr „The Chemical Company“, sondern nur noch lapidar „The Comical Company“.

Gerade die Mitarbeiter haben ihre Probleme mit dem neuen Vokabular. So schreibt ein Beschäftigter in der BASF-Mitarbeiterzeitung, er tue sich „sehr schwer“ mit den neuen Bezeichnungen.

Betriebslinguistiker Pogarell hält den Trend zur englischen Sprache schon aus Imagegründen für eher schädlich als förderlich. „Denn ’Made in Germany’ ist nach wie vor ein Verkaufsgarant.“

Sprachwissenschaftler sehen noch weitere Probleme. Im Vergleich zum normalen Englisch entwickelt sich in den Firmen meist ein sogenanntes Bad Simple English (BSE), also ein einfacheres, oft fehlerhaftes Englisch. So birgt BSE, gerade bei Geschäftsbeziehungen aufgrund der Fehlerhaftigkeit die Gefahr von Missverständnissen, die fatale Folgen nach sich ziehen können.

Der Supermarkt Wal-Mart kann hier als bekanntestes Beispiel für das Scheitern des Englischen herangezogen werden. Mit insgesamt über einer Million Mitarbeitern kam die weltweit größte Lebensmittelkette ab Mitte der 1990er Jahre auf den deutschen Markt. Bereits 2007 musste der US-Konzern seine Filialen in Deutschland wieder schließen – mit riesigen Verlusten.

Reiner Pogarell hat die Entwicklung bei Wal-Mart eingehend betrachtet und ist sich sicher: „Zu viel Englisch.“

Wal-Mart setzte amerikanische Geschäftsführer ein. Das gesamte Management, ab dem Filialleiter, musste Englisch sprechen. Es folgte eine Trennung zwischen den oberen und unteren Unternehmensebenen. „Beschwerden wurden zum Beispiel nicht weitergeleitet, weil sie in Englisch formuliert sein mussten.“

Nach und nach fehlten zunächst die Motivation der eigenen Mitarbeiter und in der Folge dann auch die Kunden.

Porsche ist in jedem Fall überzeugt von seinem Festhalten an der deutschen Sprache. In Stuttgart blickt man entspannt zum Nachbarn Daimler, der nicht zuletzt durch die Kooperation mit dem amerikanischen Automobilhersteller Chrysler Englisch als Konzernsprache eingeführt hat. „Das gibt es bei uns nicht“, heißt es bei Porsche.

Alle Rechte vorbehalten. Süddeutsche Zeitung, 11.03.2008

Kärrnerarbeit in der Kabine

Konferenzdolmetscher stehen im Zentrum des Geschehens – und sind am besten, wenn man sie nicht bemerkt (von Juliane Lutz)

„Das Schicksal der Welt hängt in erster Linie von den Staatsmännern ab, in zweiter Linie von den Dolmetschern“, sagte einmal der Norweger Trygve Lie, erster Uno-Generalsekretär. Denn ohne Konferenzdolmetscher geht es nicht, sobald verschiedene Nationalitäten aufeinandertreffen. Etwa tausend Menschen arbeiten bundesweit in diesem Beruf, drei Viertel davon Frauen, schätzt der Internationale Verband der Konferenzdolmetscher in Deutschland (aiic).

Eine von ihnen ist Stephanie Rosenberg. Die 38-Jährige studierte Englisch und Spanisch an der Außenstelle der Universität Mainz im pfälzischen Germersheim. Die ist neben der Fachhochschule Köln und den Unis Heidelberg, Leipzig und Saarbrücken eine der Top-Ausbildungsstätten für Dolmetscher und so begehrt, dass längst nicht alle Bewerber zum Zuge kommen.

Rosenberg arbeitet seit 1994 in ihrem Traumberuf. Schon als Teenager war ihr klar, dass sie später mit Sprachen zu tun haben würde. „Aber ich wollte nicht Lehrerin werden und stieß bei der Suche nach Alternativen auf die Fakultät Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaften.“Zuerst schrieb sie sich als Übersetzerin ein, doch das war ihr zu theoretisch. Zufällig besuchte sie einen Dolmetscher- Einführungskurs und fing Feuer.

Rosenberg hält sich zwar oft in englischsprachigen Ländern auf, doch sie verbrachte weder ihre Kindheit im Ausland, noch wurde sie zweisprachig erzogen. Das ist nach Meinung von Fachleuten auch nicht unbedingt eine Voraussetzung, um gut in diesem Job zu sein. Stephanie Rosenberg sah sogar einige bilingual aufgewachsene Freunde im Studium scheitern: „Die Sprachbegabung und Kenntnis der anderen Kultur ist nur ein Teil dessen, was einen guten Dolmetscher ausmacht.“ Eine der wichtigsten Fähigkeiten sei es, mehrere Dinge simultan erledigen zu können. „Ich muss gleichzeitig hören, sprechen, mich kontrollieren und wieder zuhören“, sagt sie. Wem dieses „Dolmetsch-Gen“ fehlt, der ist für den Job nicht geeignet.

Auch wer es gerne gemütlich hat, orientiert sich besser woanders. Dolmetscher arbeiten in einem absoluten Saisongeschäft, Einsätze konzentrieren sich vor allem auf die Monate Mai, Juni, Oktober und November. „Dann heißt es oft, jeden Tag unterwegs zu sein“, sagt Rosenberg. An einem Tag dolmetscht sie in Frankfurt auf der Pressekonferenz einer Bank, zwei Tage später erklärt sie in der Provinz amerikanischen Teilnehmern einer Schweinezüchtertagung neueste Forschungsergebnisse aus Deutschland. Um für den Einsatz rund um das Borstenvieh gewappnet zu sein, arbeitet sich Rosenberg durch ein Fachwörterbuch für Veterinärmedizin, recherchiert Fachartikel zum Thema und erstellt sich ein spezielles Glossar in Englisch und Deutsch.

Etablierte freischaffende Dolmetscher verdienen mit etwa 80 Einsätzen im Jahr und einem Tageshonorar zwischen 700 und 1000 Euro pro Tag recht gut, so der Dolmetscherverband. Allerdings reduziert sich die Summe, wenn man davon zwei bis drei Tage Vorbereitungszeit abzieht. Aber gerade dieses Eintauchen in immer neue Themen begeistert Rosenberg an ihrem Beruf: „Wir werden tatsächlich dafür bezahlt, dass wir konstant unser Wissen erweitern.“Um bestens informiert zu sein, liest Miriam Söllch viel, auch den Sportteil der Tageszeitung. „Es gibt ständig Anspielungen auf Fußball. Wie kürzlich auf einer Veranstaltung, da deutete der Firmenchef mit den Fingern ein 3:0 an. Das muss ich natürlich einordnen und den ausländischen Gästen erklären können“, sagt Söllch, die wie die meisten ihrer deutschen Kollegen aus dem Englischen und ins Englische dolmetscht. „Ich hatte immer ein Faible für diese Sprache. Ob ich damit später Jobs bekommen würde, darüber habe ich mir während des Studiums keine Gedanken gemacht.“ Über einen Mangel an Aufträgen kann sich die 37-Jährige, die sich auf Wirtschaft, Recht und Technik spezialisiert hat, nicht beklagen. „Es spricht noch längst nicht jeder Englisch“, beobachtet sie.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für den Job ist Nervenstärke, denn das Dolmetschen gilt neben den Berufen von Piloten, Ärzten und Lehrern als Tätigkeit mit dem höchsten Stressfaktor. Dolmetscher sorgen dafür, dass sich Angela Merkel und Nicolas Sarkozy verstehen, dass ein Millionenpublikum bei Thomas Gottschalk erfährt, was Paris Hilton durch den Kopf geht, oder dass sich deutsche Polizisten mit Anti-Terror-Spezialisten aus England unterhalten können.

Lange überlegen geht nicht. Etwas Falsches lässt sich nicht wieder zurücknehmen und kann Verwirrung stiften. Im Studium wird der Auftritt in der Kabine endlos geübt, „dennoch war ich bei meinem ersten Einsatz furchtbar aufgeregt“, sagt Miriam Söllch. Doch die Nervosität legte sich schnell. „In dem Moment, in dem ich das Mikro anschalte, setzt ein Adrenalin-Stoß ein. Das kann schon süchtig machen.“

Lampenfieber hält Patrick Bauer sogar für gesund. Der 44-Jährige, dessen wichtigste Arbeitssprache Französisch ist und der unter anderem für den deutsch-französischen Fernsehsender Arte dolmetscht, meint: „Ich sage mir immer, dass ich vor allem dazu beitragen möchte, dass sich Menschen verstehen. Das alleine ist schon Motivation genug, um ruhig zu bleiben.“

Dolmetscher sind Einzelkämpfer – und doch müssen sie in der Kabine zu zweit oder zu dritt miteinander arbeiten. Manchmal sind diese so klein, dass man dicht an dicht sitzt und unter Druck sehr Persönliches miteinander durchlebt. „Natürlich kann es mal zu Spannungen kommen. Da heißt es dann, so professionell wie möglich zu sein und sich auf die Sache zu konzentrieren“, sagt Bauer.

Wer ähnliche Themen bearbeitet und die gleichen Sprachen besetzt, trifft in der recht kleinen Welt der Konferenzdolmetscher immer wieder aufeinander. Doch trotz aller Zusammenarbeit gilt: „Jeder muss auch Werbung in eigener Sache machen, um im Geschäft zu bleiben“, sagt Bauer.

Noch eine weitere Eigenschaft zeichnet gute Dolmetscher aus: Sie müssen selbstbewusst genug sein, um vor vielen Menschen auftreten und mit Staatschefs, Wirtschaftsgrößen oder Prominenten umgehen zu können und sich dabei doch ständig zurücknehmen. Sie sind mittendrin, und stehen doch nie im Zentrum der Aufmerksamkeit. Auch die Inhalte, die sie übermitteln, sind nie die eigenen. So sagt dann auch Werner Zimmermann, einer der bekanntesten deutschen Dolmetscher, der wesentlich zur Verständigung zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand, Gerhard Schröder und Jacques Chirac beitrug: „Die besten Dolmetscher sind die, die man nicht bemerkt.“

Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung, 26.07.2008

„Not so, Sir!“

Wir sind ja alle so weltgewandt – und Englisch, die Lingua franca, beherrschen wir perfekt. Oder? (von Juliane Lutz)

Übersetzen ist oft schwieriger, als man denkt. Dass zum Beispiel ein Sausage etwas grundsätzlich anderes ist als ein Nürnberger Rostbratwürtschen, ist nur jemandem bewusst, der das Konzept „English Breakfast“verstanden und überlebt hat.

„Not so, not so“, rief der Kongressteilnehmer aus Tübingen und nestelte kopfschüttelnd am Revers seines schottischen Kollegen herum. Der hatte es wohl nicht schnell genug geschafft, sein Mikrofon zu befestigen, er wies den anderen wegen seiner groben Unhöflichkeit dennoch nicht in die Schranken.

Im internationalen Vergleich gesehen, sprechen Deutsche ganz passabel Englisch. Dennoch kann man gerade im Arbeitsalltag oftmals erheiternde Dinge beobachten, wenn Leute glauben, Welt aus dem Eff-eff beherrschen. Da bittet ein Firmenchef die Gäste einer Veranstaltung, den Anweisungen des „stuff“doch Folge zu leisten. Aber wie kann Zeug oder Krempel sagen, wo es lang geht? Vermutlich meinte er die Belegschaft, doch die heißt nun mal „staff“und wird anders ausgesprochen.

Eine junge Journalistin wundert sich über die pikierte Reaktion ihrer amerikanischen Kolleginnen. Dabei war sie nur auf der Suche nach jemandem, der ihr von draußen einen Kaffee mitbringen würde. Und hatte die beiden, die gerade im Begriff waren, ihre Schreibtische zu verlassen, arglos gefragt: „Are you going out together?“Bei den Frauen kam der Satz wird, kommen vermeintliche Fragen nach dem Geschlechtsleben im Job gar nicht gut an.

Mitunter kann eine Überschätzung der eigenen Fremdsprachkenntnisse aber auch tragische Folgen haben. So geschehen bei einem Hamburger, dersich um einen Managerposten bei einem kanadischen Unternehmen bewarb. Die Chancen standen gut – bis zum Schluss. Da wollte der Kandidat lediglich zum Ausdruck bringen, wie sehr er sich über die freundliche Aufnahme beim Vorstellungsgespräch gefreut hatte. Doch leider bedankte er sich für die „Hostility“ (Feindschaft) und nicht für die „Hospitality“ und katapultierte sich so ins Aus. Die Vermutung liegt nahe, dass sich der Vice-President, der ihn verabschiedete, dachte: Mein Gott, der beherrscht ja nicht mal die Grundlagen unserer Sprache. Wie will er dann diesen Job machen?

Englisch – in der Theorie klingt es leicht, doch im Arbeitsalltag enthält es selbst für jene, die der Sprache einigermassen mächtig sind, noch genügend Stolperstellen bereit. Zum Beispiel bei Verhandlungen. Da reichen ein umfangreicher Wortschatz und gute Grammatikkenntnisse oft nicht aus. „Wer in diesen Situationen mit Native Speakers zu tun hat, ist im Nachteil, was das Verständnis und die Ausdruckskraft angeht“, meint Andrew Hewitson, der die englischsprachigen Seminare beim Siemens Learning Campus verantwortet. Vielfach liegt dabei die Schuld bei den Muttersprachlern selbst, die sich nicht vorstellen können, was es denn heißt, sich in einer anderen Sprache verständlich machen zu müssen. „Oft nuscheln sie oder verwenden Redewendungen, die man nur kennen kann, wenn man im jeweiligen Land gelebt hat“, sagt Bob Dignen vom britischen Beratungsunternehmen York Associates.

Überhaupt ist es mit den Idiomen so eine Sache. Bestimmte Redewendungen mögen in einem Land Sinn ergeben, in einem anderen aber nicht. „Kürzlich benutzte ein deutscher Manager in einem Bericht den vor allem in den USA gängigen Ausdruck „We’ve brought the bacon home“. Was aber ist, wenn derGeschäftspartner aus dem Nahen Osten kommt? Dort ist schweinefleischfreie Zone. „Das käme nicht gut an“, sagt Hewitson, der Führungskräften beibringt, möglichst keine Redewendungen zu verwenden. Missverständnisse entstehen vielfach auch dadurch, dass man sich zwar auf Englisch verständigt, doch je nach Kultur wird ein und derselbe Begriff völlig anders interpretiert. „;Das Wort Guideline ist sehr interessant. Für Engländer bedeutet es lediglich ein flexibles Grundgerüst, mit dem man nach Belieben herumspielen kann. Darüber ärgern sich dann ihre deutschen Geschäftspartner, denn nach ihrem Verständnis stellen Guidelines ganz genaue Definitionen dar“, beobachtet Bob Dignen, der als Sprachtrainer bei Großkonzernen in Deutschland und in der Schweiz schon so manche Führungskraft in sprachlichen Fettnäpfchen versinken sah.

Eine weitere Falle, in die Deutsche immer wieder tappen, nennt Kathrin Köster, Professorin für internationales Management an der Hochschule Heilbronn: „Wenn man den Kommunikationsstil nicht zusammen mit der Sprache wechselt, klingt die Sprache nicht natürlich. Dann wirkt das Englisch nicht nur vom Akzent her hart, sondern auch von der Art her, sich auszudrücken.“ Deutsche gehören nun mal zu den direktesten Kommunikatoren der Welt und nennen – dafür sind sie im Ausland gefürchtet – auch negative Dinge gerne beim Namen. „Häufig hört man Aussagen wie ,this is wrong‘ – schriftlich gerne noch mit Ausrufezeichen
versehen – und das ist für englische Native Speakers, insbesondere für Briten, zu viel des Guten.“

Letztlich ist es so: Wer in seiner Muttersprache reden kann, fühlt sich sicherer „und ergreift daher auch eher das Wort“, sagt Miriam Söllch, Konferenzdolmetscherin aus Heidelberg. Noch ein Grund, der Deutsche bei Gesprächen mit Australiern, Südafrikanern, Briten, Amerikanern oder Kanadiern manchmal ins Hintertreffen geraten und etwas alt aussehen lässt.

Im Glauben, dass doch jeder Manager gut genug Englisch spricht, streicht man in manchen Unternehmen aus finanziellen Gründen den Dolmetscher, um wenig später doch zu den Profis zurückzukehren. „Da heißt es dann: Wir sind so froh, dass wir wichtige Sachverhalte wieder in unserer Sprache ausdrücken können. Und wir sparen wertvolle Zeit, wenn wir die Dinge direkt auf den Punkt bringen können und keine unbemerkten Missverständnisse entstehen“, sagt Söllch. „Außerdem: Sonst sprechen nur immer die, die meinen, dass sie Englisch gut können.“ Und dass das nicht immer der Fall ist, weiß man ja nun.

Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung, 02./03.08.2008